Um zahlreiche Musikhandschriften Franz Liszts im Original zu untersuchen und kodikologisch aufzunehmen, reisten die Heidelberger Projektmitarbeiterinnen Margret Scharrer und Constanze M. Köhn in den vergangenen Monaten durch Europa. Ihre Forschungen führten zu spannenden Neuentdeckungen und wertvollen Erkenntnissen für das digitale Quellen- und Werkverzeichnis.
Wertvolle Funde und Identifizierungen in Italien
Neben einzelnen deutschen Institutionen, wie der Bayerischen Staatsbibliothek in München oder dem Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf, führten die Reisen nach Italien: unter anderem in die Biblioteca „Mario Messinis“ des Conservatorio Benedetto Marcello di Venezia, zur Fondazione Istituto Liszt in Bologna und in die Biblioteca Nazionale Braidense in Mailand.
Während in letzterer ausgewählte Stichvorlagen aus dem Archivio Storico Ricordi eingesehen werden konnten, bei dem Liszt mehrere seiner Kompositionen veröffentlichte, bot die Biblioteca „Mario Messinis“ die Möglichkeit, die Lisztiana aus dem Nachlass des Komponisten und Klavierpädagogen Ugo Bassani zu studieren. Liszt widmete diesem nicht nur einzelne Erstdrucke, sondern auch verschiedene Fassungen seiner „Trauergondel“ (La lugubre gondola). Durch den Austausch mit den Kolleg:innen der Biblioteca „Mario Messinis“, Silvia Urbani und Paolo Da Col, gelang es zudem, Bassani als den Schreiber der Abschrift einer Fassung der „Trauergondel“, die das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar bewahrt, zu identifizieren. Bassani reiht sich damit in den großen Kreis der Verehrer und Schüler Liszts ein, die Abschriften für den „Meister“ anfertigten.

Handschriftenlesesaal in der Biblioteca Nazionale Braidense in Mailand
Sammlerschätze in Basel
Auch die Recherchen in Basel widmeten sich Handschriften des Komponisten aus Nachlässen. Die Paul Sacher Stiftung darf nicht nur als ein Hort der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts gelten; zahlreiche Sammler vertrauen ihr ebenso ihre handschriftlichen Schätze aus früheren Jahrhunderten an. Die Faszination für Autographe führte dazu, dass Liebhaber wie Rudolf Grumbacher im Laufe ihres Lebens umfangreiche Sammlungen von mehr als 1.000 Objekten zusammentrugen. Unter den Lisztiana seiner Sammlung finden sich bedeutende Werke, wie die Ungarische Krönungsmesse und die symphonische Dichtung Les Préludes.
Ein Besuch des Sonderlesesaals der Universitätsbibliothek Basel führte zudem nicht nur zu einem Albumblatt des Komponisten aus dem Besitz des Schweizer Unternehmers Karl Geigy-Hagenbach, sondern eröffnete im Gespräch mit einer Mitarbeiterin noch eine weitere Spur zu Handschriften Liszts in Luzern.
Rätselhafte Lieder in Warschau
Die letzte Reise vor der Sommerpause führte ins Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza in Warschau zu einem weiteren spannenden Nachlass: dem von August Zamoyski. Dieser birgt unter anderem die Manuskripte seiner Verwandten, der Gräfin Ludmiła Giżycka-Zamoyska. Bis heute konnte allerdings noch nicht eindeutig geklärt werden, wie groß Liszts kompositorischer Anteil an vier der dort überlieferten Lieder ist. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit darf die Gräfin selbst als deren Schöpferin gelten. Vermutlich vertraute die Gräfin Liszt die Lieder zur Korrektur an, woraufhin dieser eigene Abschriften anfertigte.

Margret Scharrer in der Bibliothek des Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza
Mit dem Abschluss dieser Forschungsreisen rückt das Ziel näher, alle Handschriften des Komponisten im Original im Rahmen des Projektes gesichtet, untersucht und für das digitale Quellen- und Werkverzeichnis ausgewertet zu haben.