Seit seinem ersten Aufenthalt im Frühjahr 1838 übte Venedig eine eigene Faszination auf Franz Liszt aus. Gegen Ende seines Lebens weilte er auf der Durchreise des Öfteren in der Serenissima. In seinem Todesjahr 1886 stattete er ihr Ende Januar einen letzten Besuch ab. Traurige Berühmtheit erlangte sein Aufenthalt 1882/83: Cosima und Richard Wagner hatten ihn in den Palazzo Vendramin gebeten. Die gemeinsamen Wochen gestalteten sich jedoch wenig harmonisch. Wagner, krank und vom Tod gezeichnet, reagierte auf seinen Schwiegervater zunehmend gereizt. Am 13. Februar – gut einen Monat nach Liszts Abreise – verstarb er.
Zu den Kompositionen, die Liszt in den Wochen vor Wagners Ableben schuf, gehört das in mehreren Fassungen vorliegende Werk Die Trauergondel (La lugubre gondola). Es wurde rückblickend zu einer schicksalhaften Prophezeiung von Wagners Tod verklärt. Die Lieder der Gondolieri dürfen als klingende Chiffre der Lagunenstadt gelten. Sie inspirierten Komponisten über Jahrhunderte hinweg zu größeren und kleineren Werken. Liszt verarbeitete seinen Eindruck der Lagunenstadt mehrfach. Denn das klingende Bild einer gondola prägt nicht nur seine Trauergondel, sondern auch die beiden Charakterstücke „Gondoliera“ und „Canzone“, die er als Supplement Venezia e Napoli seiner Années de pèlerinage 1861 publizierte. Während er sich in „Gondoliera“ und „Canzone“ mit bereits bestehender fremder Musik auseinandersetzte, basiert Die Trauergondel auf eigenen motivischen Gedanken, die er gemäß seiner Arbeitsweise innerhalb weniger Tage und Wochen einer ständigen Revision unterzog. Nach eigener Aussage verarbeitete er darin das Bild einer im Nebel auftauchenden und verschwindenden Trauergondel, wie er sie von seinem Appartement am Canal Grande aus erblicken konnte. Die Trauergondel gehört zu seinen markanten Spätwerken. Sie entbehrt jeglicher virtuoser Brillanz. Stattdessen findet sich der für Liszts späte Kompositionen charakteristische reduzierte Stil, der sich durch satztechnische Sparsamkeit auszeichnet, dafür aber die Grenzen der Harmonik durch den Einsatz verminderter und übermäßiger Akkorde, harmonischer Rückungen, unaufgelöster Dissonanzen sowie chromatischer Umspielungen und Fortschreitungen auslotet. Hinzu tritt der ihm eigene variative Umgang mit kleinmotivischen melodischen Gebilden.
Die beiden autographen Fassungen der Trauergondel und der signierte Erstdruck der späteren zweiten Fassung aus dem Jahr 1886, die das Conservatorio Benedetto Marcello bewahrt, eröffnen besondere Perspektiven auf die Komposition und Liszts Venedig-Aufenthalt 1882/83. So zeigen die Handschriften, dass bereits zwischen Ende 1882 und Anfang 1883, also noch vor Wagners Ableben, zwei frühe Fassungen entstanden, von denen Liszt die erste als „mauvais“ verwarf, die zweite aber sogar mit „Imprimatur“ überschrieb – im Druck erschien letztere allerdings nie. Eine gelöste Überklebung offenbart, dass er vermutlich für den Druck der zweiten Fassung ursprünglich eine kammermusikalische Ausführung für Klavier und Violine plante. Der Erstdruck von 1886, der auf einem anderen Autograph basiert, ist jedoch eine Klavierkomposition. Dass Liszt gleich mehrere Besetzungsvarianten notierte, kann wiederum als eine typische Arbeitsweise gelten, die vor allem seine späten Kompositionen kennzeichnet.
Alle drei Schriftstücke, die das Conservatorio bewahrt, widmete Liszt Ugo Bassani: die verworfene erste Fassung im Dezember 1882 mit den Worten „milles excuses“ für ihren schlechten handschriftlichen Zustand, die zweite Fassung mit dem Imprimatur-Vermerk im Januar 1883 sowie den frisch erschienenen Erstdruck während seines letzten Venedig-Aufenthalts am 27. Januar 1886. Offensichtlich spielte Bassani im Entstehungsprozess der Trauergondel eine besondere Rolle. Mit großer Wahrscheinlichkeit geht auch die Abschrift in der kammermusikalischen Fassung für Violine oder Violoncello und Klavier, die im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar liegt, auf ihn zurück.
Franz Liszt: La lugubre gondola, in der Fassung für Violine oder Violoncello und Klavier, Abschrift, D-WRgs, GSA 60/X 2, S. 1, Link
Bassani wirkte als Klavierpädagoge, Komponist und Dichter in Venedig. Offenbar fand ein erstes persönliches Treffen mit Liszt im Januar 1880 statt. Diesem ging Ende der 1870er-Jahre ein brieflicher Kontakt voraus. Liszt weilte als Gast sowohl im Januar 1880 als auch 1882 für kurze Zeit im Hause Bassani, der ihn mit weiteren führenden Musikern aus Venedig bekannt machte. Bei diesen Gelegenheiten fanden gelegentlich gemeinsame Musizierabende statt, bei denen der berühmte Gast eigene und fremde Werke zu Gehör brachte. Darunter befanden sich auch Stücke des Hausherrn, etwa die Etüde, die auf sein Betreiben hin in der Großen theoretisch-praktischen Klavierschule von Sigmund Lebert und Ludwig Stark erschien. Wie der Nachlass des Wahlvenezianers offenbart, schenkte Liszt ihm weitere Erstdrucke. Die meisten – so zeigen es seine Widmungszeilen – überreichte er persönlich.

